Mit Gottfried Kellers «Romeo & Julia auf dem Dorfe» hatte sich Minder eine der wohl bekanntesten Novellen des Zürcher Schriftstellers vorgenommen, die schon unzählige Male in verschiedensten Versionen auf die Bühne gebracht wurde. Die Geschichte zweier Bauern, welche im Streit um einen verwaisten Acker ihre Existenz aufs Spiel setzen, schliesslich zugrunde gehen und ihren sich liebenden Kindern jegliche Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang rauben, sodass diesen nur noch der gemeinsame Freitod bleibt, um zusammenbleiben zu können, ist kein leichter Stoff. Minder versteht es, in ihrer «Grenchner Fassung», dem Stück einen aktuellen Bezug zu geben, Themen wie sexuelle Belästigung, Emanzipation und den K(r)ampf zwischen den Geschlechtern mit einer gehörigen Portion Humor einzubauen.
Die Regisseurin und Autorin erweiterte in ihrer Interpretation des Klassikers den Plot um eine weitere Ebene, die Göttliche: Die Liebesgöttin, souverän verkörpert von Heidi Heller, der ihre beiden Söhne, die Liebesboten Amor und Cupido – Miro Nardini und Mohammed Messai – zur Seite stehen, schliesst mit dem schwarzen Geiger, der Verkörperung des Teuflischen, Rachsüchtigen und Bösen, eine Wette ab, wer die Menschen mehr auf seine Seite ziehen kann. Der Geiger, von Lorenz Probst mit viel Energie hervorragend in Szene gesetzt, sät unter den Bewohnern des Dorfs Grenchen Zwietracht und Missgunst, wo immer er kann.
Im Gegensatz zur Göttin, die auf der Meta-ebene bleibt, greift der Geiger aktiv ins Geschehen ein, er verkörpert auch das Zügellose, Frivole, Unzüchtige. Die beiden jungen Liebesboten, für die die Liebe eher ein Spiel bleibt, das sie mit grosser Leichtigkeit glaubwürdig vortragen, müssen von ihrer Mutter immer wieder zur Raison gerufen werden.
Die beiden Bauern Manz und Marti, überzeugend gespielt von Thomas Steiner und Franco Murolo, zeigen beide eine facettenreiche Verwandlung im Verlauf des Stücks: Von erfolgreichen Grundbesitzern, die nicht genug kriegen können, entwickeln sich beide zu armen Schluckern, die ihr gesamtes Vermögen an die Anwälte verloren haben. Die Leidtragenden sind ihre Familien, die beiden Ehefrauen Dora und Meieli, souverän dargestellt von Barbara Wittmer und Rosmarie Urben.
Die Liebe soll ewig währen
Und da wäre dann noch das Liebespaar, das sich im Grunde über die ganzen Einflussnahmen der übermenschlichen Kräfte hinwegsetzt und bei der Liebe bleibt, die sie sich schon im Kindesalter geschworen haben, Vreni und Sali. Sowohl Melissa Sallaz und Tobias Staufer, welche die beiden als Kinder darstellen, als auch Aïna Probst und Matthias Salzmann als Erwachsene, überzeugen in ihren Rollen. Die Kinder in ihrem unschuldigen Spiel, frisch und spontan, die Erwachsenen, deren Liebe mit einer erstaunlichen Authentizität, ohne Schmalz und Kitsch rüberkommt, eine tolle schauspielerische Leistung und eine reife Regieleistung. Selbst, wenn der alles entscheidende Schlag passiert, als Sali sein Vreni gegen dessen Vater verteidigt und Vrenis Befürchtungen wahr werden, dass es keine Zukunft für sie gebe in diesem Leben, wirkt die Szene nicht überladen oder übertrieben. Es bleibt tatsächlich kein anderer Ausweg – nicht einmal die Flucht im Gefolge des Geigers mit dem freien Volk. Die Dorfbewohner, in eingefrorenen Szenen in der Rolle eines griechischen Chors, von Minder ausgezeichnet inszeniert, bringen auch Einiges an Leichtigkeit ins Stück: Jürg Vifian als Nachbar Otto – «Frauen muss man schlagen, das beweist, dass man Gefühle für sie hat» – kriegt die Retourkutsche prompt von seiner Frau Alma, gespielt von Regula Beck. Die Nachbarn Hugo und Hildi, oder besser «Bärli und Häsli», Roland Favre und Susi Reinhard, ein Slapstickpaar erster Güte.
Besonders bemerkenswert: Yaël Probst, die dem Grittli, der Schwester von Sali, mit dem Guggisberglied und weiteren Liedern eine zauberhafte Stimme gibt und ob der Vermittlungsversuche schier zerbricht – eine reife Leistung der jungen Schauspielerin und Sängerin. Auch Nadja Rothenbühler, die sich als Magd Erika erfolgreich gegen die ungestümen Annäherungsversuche des Knechts Hebi, gespielt von Kari Amsler, zu wehren weiss, liefert eine energiegeladene Darbietung. Maria-Valentina Aguiar, Verkörperung von Lust und Lebensfreude und Gegensatz zum scheuen Bethli, gespielt von Aoife Hohl, die sich am Schluss verführen lässt und die Freiheit wählt, beide vermögen zu überzeugen.
Das stimmige Bühnenbild wurde von Marcel Bavaud kreiert, für Bühnenbau und Infrastruktur zuständig war Hanspeter Crivelli. Für die passende Musik – dieses Mal nicht live – zeichnen Ruwen Kronenberg und Peter Schenker verantwortlich.
Das Publikum quittierte die gelungene Uraufführung, die mit einem starken Ende überrascht, mit einer Standing Ovation und lang anhaltendem Applaus.
Quelle: az Solothurner Zeitung
Datum: 18.06.2019, 05:00 Uhr
Mehr News hier auf Solothurnerzeitung.ch http://m.solothurnerzeitung.ch